Leben am Abgrund
Aug 20th, 2007 by Rudi
Leichte Sorgen reden, große schweigen.
Seneca
Bonnie Prince Billy – Hard Life
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Es ist exakt vier Wochen her, daß ich hier das letzte Mal meine Stimme erhob. Das war am 2. Todestag meiner Tante. Danach verstummte ich. Unendliche Trauer und grenzenloser Schmerz schnürten mir wieder mal die Kehle zu. Das Leben als Gratwanderung. Links droht der Absturz in den Tod vor dem Tod, rechts der Absturz in den endgültigen Tod. Dazwischen ein hauchdünner Grat, das Leben als Drahtseilakt in schwindelerregenden Höhen, ohne Netz und doppelten Boden.
Sechs geliebte Menschen habe ich in nur 18 Monaten verloren. Alle drei Monate ein Toter, das Grauen pur im 90-Tage-Takt. Ich kenne Leute, die an einem einzigen Tod zerbrochen sind. Wie kann Mann = ich sechs Tote “verarbeiten”, ohne selbst daran zugrunde zu gehen, ohne mit ihnen in den Abgrund gerissen zu werden? Ich habe nach wie vor keine Antwort auf diese und unzählige andere Fragen, vor die mich der Tod urplötzlich gestellt hat. Eine Sinnkrise ungeahnten Ausmaßes hat mein Leben erfaßt. Wozu morgens noch aufstehen, wenn doch nur der nächste Tiefschlag auf einen wartet? Wozu noch ein einziges Wort sprechen, wenn es doch keiner versteht? Wozu noch einen einzigen Finger rühren, wenn doch nur die Totenstarre auf ihn wartet?
Aber wen interessieren schon meine bohrenden Fragen? Man will gültige Antworten von mir hören. Wen interessieren schon meine privaten Nöte und Befindlichkeiten, hat doch jeder mit den eigenen Gespenstern mehr als genug zu tun. Also werde ich versuchen hoch über dem Abgrund auf dem Seil zu bleiben, Auge in Auge mit dem Tod – bis zum nächsten … und übernächsten … und schließlich dem letzten Absturz ohne Wiederkehr.
Bonnie Prince Billy – Death To Everyone
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Herbstgesang
Bald wird man uns ins kalte Dunkel drängen;
Fahr wohl du Licht, du flüchtige Sommerwelt!
Schon hör’ ich, wie im Hof mit dumpfen Klängen
Das Holz erdröhnend auf das Pflaster fällt.
Nun dringt der Winter ein. Und kein Erretten!
Zorn, Schauder, Hass, erzwungner Arbeit Pein;
Der Sonne gleich in des Polarlands Ketten
Wird bald mein Herz ein eisiger Klumpen sein.
Der Scheite Fallen lässt mich fröstelnd schauern;
Kein Mordgerüst, das dumpfer widerhallt.
Mein Geist bebt wie ein Turm, an dessen Mauern
Der Stoß des Widders unermüdlich prallt.
Mir scheint, von diesem hohlen Lärm benommen,
Als ob in Hast, – für wen? – den Sarg man baut,
Sommer war gestern, Herbst ist heut gekommen,
Und Abschied heißt der rätselhafte Laut.
Charles Baudelaire
Johnny Dowd – Death Comes Knocking
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